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Das Licht im Turm

Es ist Licht im Turm. Schon als ich an der Kirche vorbeigekommen war, brannte das Licht im Turm. Ich kam vorbei, als ich von der Arbeit nach Hause fuhr. Es war spät, so kurz vor Mitternacht. Der Atem war mir am Bart gefroren, die Kälte erwischte mich nur dort, direkt vor der Nase. Es hatte den ganzen Tag gefroren. Mit Zwiebeltechnik eingepackt, hatte es morgens nichts ausgemacht, die Strecke mit dem Fahrrad zu fahren. Abends, hungrig, fröstelnd, war das dann weniger vergnüglich. Aber es war nachhaltig. Ich stank nicht. Und meine Fortbewegung verursachte nicht so einen Gestank, wie die Autos, die hinter sich eine Fahne von ätzenden Abgasen herzogen. Ich roch das gerade jetzt in der Kälte besonders. An den Ampeln, wo ich in einer Wolke von Abgasen warten musste, bis es weiter ging, ätzen sich die Abgase in die Schleimhäute. Das verursacht dann Schmerzen. Das merkt man nicht, wenn man im Auto sitzt.

Licht im Turm

Das Licht war noch nie an gewesen. Ich wusste gar nicht, dass es da oben im Turm Licht gab. Als ich an der Kirche vorbeifuhr, war sie verschlossen, wie immer. Nur das Licht im Turm war an. Man sah es durch die großen jalousienartig angebrachten Holzplatten in den Rundbögen, die die die Glocke vor dem Wetter schützten.

Als ich in meiner Küche auftaute, war das Licht im Turm immer noch an. Vermutlich würde es die ganze Nacht an bleiben. Ich hatte nur die Küche geheizt, weil ich den Tag über sowieso nicht zuhause war, und dann konnten die Wohnräume kühl bleiben. Die Küche aber hatte ich geheizt, damit ich mich wenigstens in einem Raum wohl fühlen konnte, wenn ich zuhause war. Es lag nahe, die Küche zu heizen, wo ich mich zuhause, abgesehen vom Bett, die meiste Zeit aufhielt. Nur einen Raum zu heizen, sparte ungemein viel Heizkosten, und, CO2-Ausstoß. Aber das Licht im Turm brannte weiter. Wann es wohl jemand merken würde, dass das Licht im Turm brannte?

Als ich im Bett lag, dachte ich immer noch an das Licht im Turm. War da nicht ein Schatten gewesen, der sich bewegt hatte? Würde um diese Zeit jemand im Turm zu tun haben?

Sicher war es kalt dort oben. Der Glockenstuhl war luftig, dort würde sich niemand zum Schlafen zurückziehen wollen, wie die Menschen, die im Freien schliefen, weil sie keine Unterkunft hatten. Nein, sie würden eher in den Eingangsnischen der Kirche oder der anderen Häuser am Kirchplatz schlafen, wie im Sommer. Dort schliefen im Sommer immer irgendwelche Menschen. Nur diesen Sommer waren seltener welche da. Aber auf der Bank im Wartehäuschen der Straßenbahn, habe ich einen dieser Freiluftmenschen gesehen. Er wartete immer. Wenn ich vorbeikam, saß er auf der Bank und schaute nirgendwo hin. Er wartete morgens, wenn ich zur Arbeit fuhr. Er wartete auch mittags, wenn ich zum Essen nach Hause kam. Und wenn ich abends vom Ausgehen nach Hause kam, lag er auf der aus Gitter hergestellten Bank, die von unten nicht vor Zug oder Kälte schüzte, jedoch praktisch zu reinigen war, wenn es denn je jemand tun würde. Aber in dieser Stadt reinigte niemand Bänke in Wartehäuschen der Straßenbahn. So konnte er dort wochenlang liegen, ohne gestört zu werden.

Wenn er nicht da saß, lag er meist auf der Seite und schlief. Das sah ungemütlich aus. Er schlief mit einer Kaputze auf dem Kopf. Und so ging das über sechs Wochen lang oder länger. Ich hatte mir die Zeit nicht gemerkt, aber ich weiß, es war jene Zeit des letzten Sommers, als es jeden Tag regnete.

Man sah ihn manchmal auch vom Zülpicher Platz kommen. Dort hatte er wohl gegessen. Ich fragte mich, was er wohl aß. Ein anderes Mal sah ich ihn mit einem Coffee to go in der Hand über den Kirchplatz gehen, so als sei es der Garten vor seinem Haus. So war das auch ein bisschen. Es war der Garten vor seinem Wartehäuschen. Denn es war inzwischen zu seinem Wartehäuschen geworden. Es wartete sonst niemand mehr dort außer er.

Später, nach der Regenzeit, als Herbst war, habe ich ihn nicht mehr gesehen.