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Sommersonnenwende II

Der Sommer bestand aus Bewegungslosigkeit. Abwarten, dass die Mittagshitze dem kühlen Abend wich. Es war eine schwüle, feuchte Hitze, die vom Fluss her kam. Der Fluss kühlte nicht, wie sonst. Die Sümpfe und Nebenarme waren Brutgebiete für Insekten, die die gesamte Gegend durchschwärmten, wenn es dunkel wurde.

Am kühlsten war es morgens, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen war. Es war seine Zeit zu lernen. Er war für jede kühle Brise dankbar. Regen, vielleicht ein Sommergewitter sehnte sich jeder in der Stadt herbei und beim ersten Sonnenstrahl wurden die Jalousien, Sonnenmarkisen und Schirmen gegen die Sonne in Stellung gebracht. Allabendlich versammelte man sich auf den Veranden und in den Häusern, die mit Gaze hermetisch geschützt waren. Draußen hörte man dann das fiebrige Summen der Moskitos und das stoischen Klopfen der Insektenkörper, die sich vergeblich gegen die Gaze warfen, um sich auf ihre Blutbeute zu stürzen.

Der Morgen seiner letzten Prüfung war besonders heiß und die Nachrichten im Radio kündigten Rekordtemperaturen an. Die weiße, schwüle Dunstglocke am morgentlichen Himmel wich einem klaren Blau. Die Luft war frischer und roch bereits nach Ozon bevor die Sonne spitze Schatten warf. Er ging aufgeräumt ins Prüfungszimmer und kam noch immer aufgeräumt, aber im eigenen Schweiß gebadet, wieder heraus. Sie hatten ihn eine Stunde über theoretische Physik ausgefragt und er konnte ihre Fragen ohne den geringsten Fehler beantworten. Seine Aufregung wich einem Glücksgefühl, als er die Türe hinter seinen Professoren schloss. Er machte sich im gleichen Moment bewusst, dass es das letzte Mal in seinem Leben sein sollte, dass er ein Prüfungszimmer als Prüfling verließ.

In der Stadt wurden erst jetzt die Läden geöffnet. Geschäftsleute und Angestellte hasteten in ihre Büros. Doch er hatte seine Arbeit bereits erledigt, die Prüfung bestanden, und konnte sich den restlichen Tag entspannen. Er fuhr durch den Stadtwald an einen Badesee, wo er oft gewesen war, um in Ruhe seinen Prüfstoff zu lernen. Dort verbrachte er die heißeste Zeit des Tages damit, in den blauen Himmel zu sehen und sich vorzustellen, wie seine Zukunft wohl aussehen würde. Er dachte an zu Hause, was im Moment die Wohngemeinschaft mit seiner Schwester, ihren Kindern und einem chinesischen Untermieter war. Eigentlich wollte er, dass alles so bliebe. Wegen einer Arbeitsstelle woanders hinziehen zu müssen, war für ihn kein guter Gedanke. Nur seine Schwester schwärmte davon, was für Chancen auf ihn warteten. Aber seine Schwester redete dann von ihren Träumen. Sie hatte ihre Prüfungen noch vor sich.

Nach dem Abendessen lag er auf der schmalen Terrasse vor der Küche auf einer Liege. Seine Schwester saß auf dem Sims neben ihm. „Vielleicht sollte ich alles aufschreiben? Das ist der Sommer deines Lebens.“ Sie atmete den Rauch ihrer selbstgedrehten Zigarette aus und zerdrückte währenddessen mit der Linken deren Glut im Aschenbecher, wobei sie mit der Rechten ihren gläsernen Rotweinkelch gefährlich über ihm balancierte.

„Sicher. Das solltest du. Mach nur mein Elend zu einem Stück Ewigkeit. Weißt du, dass heute Sommersonnenwende ist?“ Er hatte keine Bedenken, dass sie seine kurze, weiße Hose oder sein Sommerhemd, das er zum Ausgehen angezogen hatte, mit Rotwein bekleckern könnte. Sie zündete sich die nächste Zigarette an. „Sommersonnenwende ist ein guter Anfang für eine Geschichte, glaube ich."  Und sie fügte dann hinzu, „wir müssen wieder nach Frankreich. Ich habe keine Zigaretten mehr. Die Selbstgedrehten werden bei mir immer so dünn, dass nichts dran ist. Ich rauch' quasi nur Papier.“

„Der kleine Grenzverkehr wäre auch eine Geschichte wert", lachte er und meinte ihre Touren in ein nahegelegenes Städtchen auf der französischen Seite des Rheins, wo ihre Gauloises weniger als die Hälfte kosteten. „Du kannst welche von meinen haben. Meine reichen noch bis zum Wochenende. Sie liegen auf'm Schrank in meinem Zimmer. Du musst den Hocker nehmen.“

„Hol' du mir doch ein Pack. Ich geh' dafür auch in den Keller und hol' uns noch ein Fläschchen von dem guten Roten hier.“

„Ich will doch gar nichts mehr trinken, muss noch fahren.“

„Ich muss trotzdem in den Keller. Wenn ich heute Nacht schreiben will, wird die Flasche hier nicht reichen. Die ist gleich leer. Oder du holst den Wein und ich die Zigaretten.“ Gleich relativierte sie aber ihren Vorschlag und fügte hinzu, „Aber ich weiß gar nicht, ob ich trotz Hocker überhaupt bis auf deinen Schrank komme.“

Er stand auf und lief zwei Stufen auf einmal nehmend über die alte Holztreppe in sein Dachzimmer im dritten Stock, griff eine der Schachteln auf dem Kleiderschrank und sprang die drei Stockwerke ebenso schnell wieder hinunter.

„Da kleines Schwesterchen.“ Sie war inzwischen auf seine Liege umgezogen und er ließ die Schachtel auf ihren Bauch fallen ohne zu warten, dass sie danach griff.

„Danke dir, Brüderchen.“

„Und wo ist mein Wein?“ fragte er.

„Ach ich dachte, wenn du nicht trinken magst, dass dann der hier doch noch für mich reicht, zumindest bis ich einschlafen bin.“ Sie lächelte, ohne ihn anzusehen, mit ihrem süßesten Lächeln, während sie sich schläfrig auf die Seite drehte.

„Ich dachte, du wolltest schreiben?“

„Ich glaube, ich bin heute zu müde. Wolltest du nicht wegfahren?“

„Ich glaube, ich bin auch zu müde. Außerdem habe ich Lust auf den Wein bekommen, den du holen wolltest.“ Sein Wink mit dem Zaunpfahl ging aber ins Leere ging, weil sie bereits eingeschlafen war.

Er ergriff ihr Weinglas bevor es aus ihrer Hand glitt, nahm sich eine Zigarette aus der Schachtel, die er ihr gerade geholt hatte und ließ sich auf dem Sims nieder. Dann lehnte er sich zurück, schaute in den dunklen Nachthimmel über der Stadt und betrachtete die Sterne, die so nahe erschienen, als könnten sie ihn berühren. Schließlich zündete er sich die Zigarette an, goss den übrigen Wein aus der Flasche ins Glas und nippte daran.

Als würden die Sterne sprechen, hörte er seine Gedanken reden, von seiner Freiheit in diesem Moment, die so  perfekt war. Sie würde es nicht lange sein. Er würde alles ändern, sich für einen Lebensweg entscheiden, doch das musste nicht jetzt sein. Nicht in diesem Moment.

Es war Sommersonnenwende und er wusste bereits im selben Moment, dass diese Freiheit nicht länger währen würde, als der Moment unter den Sternen. Ja, dass der Gedanke an die Zukunft es eigentlich bereits war, der sie beendete.